Hätte ich gewusst, was mich erwartet, wäre ich wahrscheinlich nicht mitgelaufen. Einfach, weil ich mir das nicht zugetraut hätte. Und dann hätte ich eins der besten Erlebnisse der letzten Monate verpasst. Denn Schneeschuhwandern im Pitztal war kurz gesagt der absolute Wahnsinn.

Am Hotel schnallen wir die länglichen, gelben Schneeschuhe unter unsere Wanderschuhe. Sie verteilen unser Gewicht gleichmäßiger, sodass sie weniger tief im Schnee einsinkt. Bevor wir loswandern, erklärt uns unser Bergführer Ernst Eiter erstmal ein bisschen was zum Schneeschuhwandern. Unter anderem, dass es mit zur Zukunft des Wintersports beitragen kann. Denn Schneeschuhwandern geht – anders als Skifahren – auch dann, wenn wenig Schnee fällt. Und es ist umweltschonender: Keine Pisten müssen präpariert und keine Schneekanonen angeworfen werden.

Gruppe mit Hund im Gänsemarsch

Mit Skistöcken in den Händen machen wir uns auf den Weg. Ernst führt uns erstmal über eine kleine Weide, auf der eine dicke Schneedecke liegt. Trotz Schneeschuhen versinken unsere Füße ordentlich – hätten wir sie nicht an würden wir vermutlich komplett im Schnee verschwinden und stecken bleiben. Als wir alle ein Gefühl für den Schnee entwickelt haben, starten wir unsere Wanderroute. Zwölf Leute plus Hund im Gänsemarsch.

Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern

Gut zwanzig Minuten laufen wir entlang der Landstraße, vorbei an schneebedeckten Tannen, links und rechts von uns erheben sich die schroffen Gipfel des Pitztals. An einer Brücke biegt Ernst ab und nimmt einen kleinen Weg bergab, zum Fluss. „Seid ihr alle warm gelaufen? Jetzt geht’s in dieTaschachschlucht!“. Einer nach dem anderen wanderen wir vorsichtig den schmalen Pfad nach unten, halten uns an einem Baum fest, um nicht abzurutschen und lassen uns vorsichtig auf den gespurten Schneeschuhweg runter. Wir gehen jetzt direkt entlang der Taschach, die sich zwischen den schneebedeckten Felsen mit fröhlichem Plätschern entlang schlängelt.

Willkommen im Schneeschuh – Märchen

Als wir um die erste Kurve kommen, muss ich erstmal stehen bleiben. Der Anblick ist einfach überwältigend, das Tal sieht aus, wie aus einem absolut kitschigen Märchenfilm. Auf den Felsen liegen dicke Schneehauben, wie Zuckerguss. Gefrorene Wasserfälle leuchten links und rechts vom Weg in geheimnisvollem Eisblau, dazwischen scheint der schroffe Fels durch, an dem sich Tannen mit ihren Wurzeln festkrallen. Der Anblick ist wunderschön und atemberaubend. Dementsprechend werden 12 Handys und Kameras zeitgleich gezückt. Ernst lacht: „Wartet ab, das wird später noch viel schöner!“

Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern
Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern
Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern

Und nicht nur das, der Weg wird auch deutlich anspruchsvoller. Denn unter den Zuckerguss-Häubchen-Felsen schlängelt sich die Taschach, und die müssen wir immer wieder überqueren. Mit Schneeschuhen über einen kleinen Fluss zu springen, ist durchaus eine Herausforderung. Im Gänsemarsch arbeiten wir uns durch die Schlucht und kommen an Eiskletterern vorbei, die sich an einem der blau schimmernden Wasserfälle hocharbeiten. Sie warnen uns vor, dass der Weg nach der nächsten Kurve nicht mehr gespurt ist. Aber Ernst ist zuversichtlich: „Dann spuren wir halt selbst!“ Wozu hat man schließlich seinen eigenen Bergführer dabei.

Schneeschuhwandern ist Teambuilding

Die Strecke wird jetzt anspruchsvoller. Immer wieder müssen wir von Schneehaufen zu Schneehaufen springen, um den Fluss zu überqueren. Müssen steile Anstiege hoch, an denen der Schnee noch so locker liegt, dass wir nicht sofort Halt finden. Mehrfach robbe ich auf allen vieren den Berg hoch, weil ich keinen anderen Weg durch den rutschenden Schnee finde. Die Herausforderungen schweißen uns als Gruppe zusammen. Wir schieben uns, ziehen uns, hangeln uns an den hingehaltenen Skistöcken des Vordermanns weiter. Jede Kurve, jede Steigung meistern wir gemeinsam.

Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern
Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern
Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern

Ich gehe an zweiter Stelle hinter unserem Bergführer Ernst. Er zieht für uns den Weg in den Schnee. Aber trotzdem müssen wir gut aufpassen, denn vor uns ist hier noch niemand gelaufen und der Schnee hat sich noch nicht gesetzt. Zwischen zwei Felsen passiert es. Ich will gerade einen großen Schritt auf einen steileren Anstieg wagen, da sackt der Weg plötzlich unter mir weg. Mein rechtes Bein verschwindet im Boden – und landet im Wasser, das unter uns durchfließt. Verdammt. Ich versuche mich zu befreien, dabei brechen noch ein paar Stücke Schneedecke weg. Erstmal durchatmen. Dann vorsichtig den Fuß aus dem Wasser holen und den Schneeschuh ausziehen. Der ist bei der Kälte nämlich sofort zusammengefroren und ein dickes Stück Eis blockiert den Klappmechanismus, der das Gehen erleichtert. So kann ich nicht weiter.
Schneeschuhwandern Pitztal

Notfalls halt auf allen Vieren

Mit dem Skistock hacke ich das Eisstück aus meinem Schuh, dann gehts endlich weiter. Mit einem beherzten Sprung über das Loch, das sich unter mir aufgetan hat – und auf zum großen Finale: Wir müssen klettern, um uns den verdienten Jagertee auf der Hütte zu gönnen. Die steile Schlucht wieder hoch zu kommen, ist schwieriger als gedacht. Der Schnee rutscht immer wieder weg, ich robbe mich mehr vorwärts als dass ich gehe, ziehe mich an Ästen und Baumstämmen hoch und verbiete mir, nach unten zu schauen. Ich will gar nicht wissen, wie tief es da neben mir runter geht. Als wir oben ankommen, bin ich nassgeschwitzt aber glücklich. Ich hätte nicht gedacht, dass Schneeschuhwandern 1. so anspruchsvoll ist und 2. so einen großen Spaß macht. Im Gänsemarsch laufen wir ein letztes Feld hoch – wir sehen aus wie aus einem Alpen-Film, wie wir da in einer Linie über den Berg laufen. 

What happens in Pitztal…

In der Hütte wärmen wir unsere kalten Finger und Füße auf, genießen den hart erarbeiteten Jagertee und österreichische Hausmannskost. Bergführer Ernst unterhält uns mit seinen Geschichten und schleppt uns zum Abschluss des Tages noch mit in eine Apreski-Hütte. Es wird ein legendär lustiger Abend mit guten Freunden. Aber ihr wisst ja: What happens in Pitztal stays in Pitztal!
Durch eine Welt aus Schnee und Eis | Schneeschuhwandern