Ich kann euch gar nicht sagen, was mir alles weh tut. Die hintere Muskulatur meiner Oberschenkel zieht fies, mein Gluteus heult rum, wenn ich die Treppe rauf gehe und meine Bauch- und Rückenmuskulatur möchte am Liebsten die nächsten 24 Stunden am Stück in der Badewanne verbringen. Und das alles nur, weil ich eine Stunde lang in einem Trainingsraum auf einem Fahrrad gesessen habe.

Spinning around

Meine unfassbar sportliche Freundin Anita gibt seit einiger Zeit Spinning-Kurse. Und da ich ihr von meiner verrückten Idee mit dem Mini-Triathlon erzählt habe, hat sie mich mitgeschleppt. Ins Winter-Training ihres Triathlon-Vereins MACH3. Winter-Training heißt: Weil das Wetter nicht mehr gut genug ist, um regelmäßig auf der Straße Kilometer zu machen, gibt es den Winter über Indoor-Spinningkurse. Damit Oberschenkel und der Allerwerteste knackig genug bleiben, um die Triathleten ab dem Frühjahr wieder mit Schwung über ihre Distanzen zu tragen. Ehrlich gesagt bin ich etwas skeptisch. Denn ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass eine Stunde Radfahren ohne einen Meter vorwärts zu kommen, wirklich Spaß machen kann.

Spinning | Einfach mal am Rad drehen

Einmal im Schwung ist es nicht mehr zu stoppen

Im Trainingsraum blinken bunte Lampen, im Hintergrund läuft Musik mit Bass und schnellem Beat. Die meisten haben sich aus der Ecke schon ihr Spinningrad und eine Hantelscheibe geholt. „Fünf oder zweieinhalb Kilo“ ruft Anita mir zu. Ich entscheide mich erstmal für das kleine Gewicht – lieber langsam steigern, als früh aufgeben. Ich rolle mein Rad nach vorne und darf mich noch mit in die erste Reihe quetschen, damit ich auch sehen kann, was Anita vormacht. Um mich rum klettern die anderen schon auf ihre Räder und rollen sich warm – einer von ihnen, Manni, hilft mir netterweise noch, mein Rad einzustellen. Und er erklärt mir den wichtigsten Knopf für die nächste Stunde: Er ist rot und hat ein Plus- und ein Minuszeichen. Damit stelle ich ein, wie stark der Widerstand des Rades ist. Ich drehe erstmal in Richtung „Minus“, packe meine Füße in die Pedalschlaufen und trete los. Und dann mache ich einen typischen Anfängerfehler: Ich will abprubt bremsen. Keine gute Idee. Spinningräder haben anstatt des Vorderrades eine große Scheibe. Und wenn die erstmal in Schwung ist, ist sie nicht so leicht zu stoppen. Beim Fahren ein ziemlich schwungvolles Gefühl – für eine Vollbremsung aber ungesund. Wäre fast vornüber vom Rad geflogen. Ich sortiere mich wieder und strample vorsichtig weiter. Und Anita dreht die Musik auf.

Spinning | Einfach mal am Rad drehen

Manche nennen es Aufwärmen – andere nennen es Auspowern

Für die nächsten 60 Minuten hat sie sich ein straffes Programm ausgedacht. Im Takt der Musik treten wir in die Pedale. Erst im Sitzen, dann im Stehen. Erst mit wenig Widerstand, dann mit viel. Erst langsam, dann im doppelten Tempo. So wechseln wir zwischen Kratf- und Sprinteinheiten hin und her bis mir die Suppe in Strömen von der Stirn fließt. Jetzt weiß ich auch, warum wir alle unser Handtuch quer über dem Lenker liegen haben. Nach 20 Minuten ruft Anita fröhlich in ihr Headset: „Na, seid ihr alle warm?“ Ich glaube, sie will mich veräppeln. Ich bin nicht nur warm, ich bin klatschnass und meine Muskeln beschweren sich über die ungewohnte Belastung. Aber jetzt legt Anita erst richtig los. Die Intensität steigt noch mal und ich muss den roten Knopf immer wieder in Richtung „Plus“ drehen. Wir stellen uns auf die Pedale, die Hände liegen vor uns auf dem Lenker. Auf und ab gehen unsere Oberkörper, während wir gegen den hohen Widerstand anstrampeln. Dann ruft Anita „Freeze“. Und die Oberkörper werden statisch. Nur noch die Beine arbeiten und das geht richtig auf die Oberschenkel und den Gluteus. „Noch vier, noch drei, noch zwei, noch eins“, ruft Anita im Takt der Musik. Ich sehne den Moment herbei, in dem sie „Und wieder hinsetzen!“ ruft. Denn meine Beine brennen. Aber auch wenn sich das jetzt alles heftig anhört – es macht einen verdammt großen Spaß. Mal so richtig auspowern, alles aus den Muskeln rausholen, richtig fertig aber glücklich sein.

Spinning | Einfach mal am Rad drehen

Spinning ist ganzheitliches Training

Bevor wir vom Rad dürfen, trainieren wir noch die Stabilität unseres Oberkörpers. Wir halten die Hantelscheibe über unseren Kopf, dann mit ausgestreckten Armen vor den Körper und lassen sie hinter unserem Kopf nach unten ab. Das zwiebelt ordentlich im Trizeps, in den Schultern und den Oberarmen. Zum Abschluss dehnen wir uns noch – denn genauso wie das Laufen macht leider auch das Radfahren steif. Aber dagegen kann man ja was tun. Mein Mit-Sportler auf dem Fahrrad neben mir lächelt mich verschwitzt an: „Macht Spaß, oder?!“ Ich keuche etwas unverständliches und er lacht: „Na, Begeisterung klingt anders!“ Ich freue mich gerade mehr so innerlich. Für mehr fehlt mir die Kraft. Mein Körper will nur noch kaltes Wasser von innen und warmes Wasser von außen. Aber trotz aller Anstrengung bin ich ziemlich glücklich mit Spinning als Training. Gut für Ausdauer, Kraft und Koordination. Und ich hab jetzt richtig Lust auf mehr bekommen. Damit nimmt die Idee von meinem ersten Triathlon immer mehr Gestalt an. 2018, ich komme!