Ich bin nicht fürs Laufen gemacht. Das war lange meine Entschuldigung dafür, es gar nicht erst zu versuchen. Und ich bin auch nach wie vor davon überzeugt, dass es Dinge gibt, die mein Köper besser kann als ausdauernd durch die Gegend zu laufen. Bäume werfen zum Beispiel. Das scheint ein Naturtalent von mir zu sein. Haben mir jedenfalls die McClorey Warriors in Oekoven bestätigt, bei denen ich letzten Sommer zu Gast war. Und die müssen es wissen, denn Bäume werfen ist ihr Sport. Oder besser gesagt: Highland Games.

 

kilt schottland highland games

McClorey-Vorsitzender Uwe stattet mich erstmal mit einem ordentlichen Outfit aus. „Das hatte ich bisher auch noch nicht beim Sport an, einen grün-schwarz karierten Rock“, lache ich. Möööööp! Fehler! „Es heißt Kilt!“ klärt Uwe mich auf. Jeder, der „Rock“ sagt, muss Strafe in die Vereinskasse zahlen. Ein bisschen aufgeregt betrete ich hinter Uwes breitem Rücken den Trainingsplatz. Ein paar ziemlich große Männer mit breiten starken Armen sind gerade dabei, Gewichte zu werfen. Ich stelle mich erstmal den Frauen vor, von denen ich zur Begrüßung direkt herzlich in den Arm genommen werde.

Ich fühl mich zum Bäume ausreißen

Yasmine ist heute meine Trainerin, sie erklärt mir die verschiedenen Disziplinen. Wir starten mit mit „Caber Toss“ – dem Baumstammwerfen. Yasmine stellt einen der schweren Baumstämme senkrecht auf, lehnt ihn gegen ihre Schulter und hebt ihn sich auf die Hände. Dann macht sie ein paar Schritte vorwärts und schleudert den gut vier Meter langen Baumstamm nach vorne. Er fliegt und überschlägt sich dabei. Das ist das Ziel beim „Caber Toss“.

 

Wenn Frauen mit Baumstämmen werfen

Dann bin ich dran. Yasmine hilft mir, den schweren Stamm auf die Hände zu nehmen. Die Damenbäume bei den Highland Games sind zwischen 3,50m und 4 Metern lang und wiegen zwischen 25 und 35 Kilo. Bei den Herren sind es bis zu 5 Meter und 40 bis 50 Kilo. Ich lehne mir den Baum an die Schulter und hebe ihn an. Gar nicht so einfach, den langen Stamm auszubalancieren. Dann lässt Yasmine los, ich mache ein paar Schritte und reiße mit aller Kraft die Arme nach oben, um den Baum zum Überschlag zu bringen. „Uuuaaahhhhhh!“ Huch. War ich das gerade, die diesen Kampfschrei ausgestoßen hat? Der Baum fliegt, dreht sich und fällt. Er liegt zwar ziemlich schief auf dem Boden aber das ist ein tolles Gefühl. Einfach mal einen Baum werfen.

Mistgabel? Sportgerät!

Nächste Disziplin: Strohsackwerfen. An zwei Pfosten sind Seile in unterschiedlicher Höhe gespannt. Auf 3, 4, 5 und 6 Metern. Ich stelle mich mit dem Rücken dazu auf und spieße mit einer Forke den Strohsack auf. Mit einer schwungvollen Bewegung aus den Beinen und den Armen soll ich den Strohsack hinter mich schleudern. Je nachdem, über welches Seil ich es dabei schaffe, bekomme ich mehr oder weniger Punkte. Das gleiche gibt es auch mit Gewichten: „Weight for Height.“ Ähnlich einer Kettlebell aus dem Fitnessstudio fasse ich ein Gewicht mit einem Griff und schwinge es ein paar Mal mit einer Hand vor mir her. Dann schleudere ich es über meinen Kopf! Panik! Ich habe Angst, das Ding auf den Schädel zu bekommen und hüpfe quietschend aus dem Weg.

 

Eine schottische Erfindung

Highland Games haben eine lange Tradition. Sie waren ursprünglich Bestandteil der Treffen schottischer Clans in den Highlands. Dabei ging es nicht nur um Unterhaltung, sondern auch darum, die schnellsten, stärksten und mutigsten Männer zu finden. Die wurden dann zum Beispiel Leibwächter oder Boten für den König. Hinzu kam, dass es den Schotten unter englischer Herrschaft lange Zeit verboten war, Waffen zu tragen. Baumstammwerfen und Steinstoßen waren also auch Trainingsmethoden aus der Not heraus. Denn wer einen Baum werfen kann, der kann vermutlich auch mit einem Rammbock das Tor einer Burg einrennen. Auch heute noch sind die Highland Games vor allem in Schottland zu Hause – es gibt aber auch Highland Games in Deutschland.

 

Immer diese Ausdauer

Die McClorey Warriors bereiten sich gerade auf ihre nächsten Highland Games vor. Yasmine zeigt mir weitere Disziplinen: Throwing the Horse Shoe (Hufeisen werfen) , Barrell Run (Fass-Rollen) und Timberwalk (Baumstammlauf). Hufeisenwefen ist nicht so meins. Hin und wieder treffe ich zwar das Ziel, mir fehlt aber die Geduld. Ich will lieber irgendwas schweres durch die Gegend werfen. Erstmal muss ich aber schieben. Beim Fass-Rollen schieben immer zwei Frauen oder Männer ein riesiges, mit Sand gefülltes Holzfass um einen großen Traktorreifen. Danach geht es zum Baumstammlauf, rund um zwei in den Boden gesteckte Markierungen im Abstand von etwa vier Metern. Um die soll ich herum rennen und dabei die Stämme an den Schlaufen hinter mir her ziehen. Eine Minute habe ich Zeit, für jede Runde gibt es einen Punkt. Ich renne so schnell ich kann, die beiden Stämme schleudern hinter mir her. Es brennt in meinen Armen und in meiner Lunge. 60 Sekunden können verdammt lang sein. Ich schaffe sieben Runden und denke wieder: Eigentlich bin ich nicht fürs Laufen gemacht.

Jede Menge Holz

Yasmine lässt mich kurz verschnaufen, dann steht schon die nächste Ausdauer-Disziplin an: „Caber-Slalom“. Zusammen mit vier anderen Mädels schultere ich einen etwa fünf Meter langen und etwa 40 Kilo schweren Baum. Vor uns in den Boden gesteckt sind fünf Stämme – der Abstand dazwischen reicht gerade so, dass wir mit unserem Stamm durchlaufen können. Auch hierbei geht es wieder darum, die schnellste Zeit zu erreichen. Und wieder muss ich rennen. Yasmine hat Erbarmen mit meiner schlechten Ausdauer und schickt mich zu ihrem Mann André, der trainiert „Putting the Stone“. Er drückt mir einen glatten Stein in die Hand. Etwa so groß wie ein Laib Brot – nur leider deutlich schwerer. Der Bewegungsablauf ist ähnlich wie beim Kugelstoßen. Stein an die Wange, nach hinten eindrehen und mit einer Hüftdrehung den Stein nach vorne wegstoßen. Das liegt mir und macht richtig Spaß. Ich knacke sogar die sieben Meter. Sehr cool. Baumstämme und Steine werfen, das werden meine neuen Lieblings-Beschäftigungen.

 

Zu Ausdauer gehört auch sich durchzubeißen

Ein bisschen Kraft für die letzte Disziplin ist noch da: Tug O´war – Tauziehen. Wir stemmen die Füße in den Boden, legen uns richtig ins Seil – und gewinnen. Ich bin durch für den Rest des Tages – und echt begeistert. Und mir ist eine Erkenntnis gekommen: die Ausdauer, die mir fehlt, kann ich trainieren. Aber ich besitze etwas ganz wertvolles und das ist Kraft: Kraft, durchzuhalten, mich durchzubeißen und nicht gleich beim ersten Widerstand aufzugeben. Das zu trainieren wäre vermutlich deutlich schwerer. Umso besser, dass ich es offenbar einfach so mitbringe. Jetzt muss ich es nur noch auf mein Lauftraining anwenden.
tauziehen highland games schottland kilt kraft