Auf dem Weg zum Nachtlauf rund um einen See im Kölner Norden denke ich über meine ersten Begegnungen mit dem Laufen nach. Die waren eher unerfreulich. Ich fand es irgendwie langweilig, war sofort aus der Puste und hatte keinen Anreiz, mich durchzubeißen. Ich bin eher der Typ, der Bäume durch die Gegend wirft. Schwere Sachen heben? Immer her damit. Bretter durchboxen? Kein Thema. Aber Ausdauersport? Geh mir weg damit!

Besser spät als nie

Ich erinnere mich mit Schrecken an ein Wochenende vor vielen Jahren, an dem ich völlig untrainiert an einem 10km-Lauf teilgenommen habe. Schon nach wenigen Kilometern endete das im Schritttempo. Mit hochrotem Kopf. Aber ich hatte zumindest eine sehr lustige Unterhaltung mit dem Fahrer des „Besenfahrrads“. Danach war ich endgültig durch mit dem Thema und hatte mein Urteil gefällt: „Laufen ist einfach nix für mich und meinen Körper!“ Bis ich dann letztes Jahr im August für ein Sportprojekt beim Women’s Run gestartet bin. Die Atmosphäre und das Glücksgefühl bei diesem Lauf packten mich plötzlich. Auf einmal wollte ich Laufen. Freiwillig. Zum ersten Mal in meinem Leben. Also habe ich trainiert. Oder es zumindest versucht, denn der Winter ist mit seinen vielen herumfliegenden Viren und Bakterien nicht die beste Jahreszeit, um ein Lauftraining zu starten.

Nachtlauf Fühlinger See LLG80 Nordpark Köln Wettkampf

Weltbester Fanclub

Dementsprechend aufgeregt bin ich auf dem Weg zum ersten ernstzunehmenden Start meines Läuferlebens. 7.5 km rund um den Fühlinger See beim Nachtlauf der LLG80 Nordpark Köln. Im Training bin ich maximal sechs Kilometer gelaufen. Ich habe Angst, die Strecke nicht zu schaffen. Angst, als Letzte im Dunkeln um den See zu stolpern. Aufgeregt wie ein kleines Kind an Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen, hole ich mir meine Startnummer ab. 376. Tolle Zahl. Die schönste Zahl, die ich je gesehen habe. Ok, jetzt übertreibe ich. Aber ich bin halt echt aufgeregt. Bis zum Start sind es noch etwa 45 Minuten. Zeit, die ich damit verbringe, zum Klo hin und wieder zurück zu laufen. Vermutlich habe ich schon vor dem Start 7.5 km gesammelt. Meine Crew hält Händchen – mein Mann ist dabei und natürlich Claudi, die leider nicht mitlaufen kann, weil sie immer noch ziemlich erkältet ist. Sogar meine Mama und mein Papa sind da – hey, ich bin 36, da kann man das ruhig mal machen. (Sie gehören zum Verein, der den Lauf organisiert und ich freu mich riesig, dass sie da sind.)

Kilometer #1

Es wird ernst: Wir machen uns auf den Weg zum Start. Es ist kurz vor 20 Uhr, draußen ist es also dunkel und dazu auch noch ziemlich kalt mit um die 6°C. Ich ziehe trotzdem noch den Pulli unter meiner Regenjacke auss, denn ich weiß, dass mir gleich warm wird. Fackeln weisen uns den Weg zum Startplatz. Im Getümmel stehe ich neben Nika. Ich hab sie über Instagram kennen gelernt und finde es großartig, sie auch mal im echten Leben zu treffen. Ohne Menschen wie Nika, Claudi und viele andere, mit denen ich regelmäßig Lauferlebnisse teile, wäre ich vermutlich nicht dran geblieben. Und jetzt stehe ich hier. Zähle mit den anderen runter von 10 und dann gehts los. Auf den ersten Metern ein ziemliches Durcheinander. Wir turnen um Pfützen herum, versuchen, uns nicht gegenseitig über den Haufen zu rennen und unser Tempo zu finden. Auf den ersten zweihundert Metern halte ich noch mit Nika mit, dann lasse ich mich zurückfallen. Ich habe mir fest vorgenommen, mein Tempo zu laufen, auch wenn es mir im Vergleich zu den anderen langsam vorkommt.

Nachtlauf Fühlinger See LLG80 Nordpark Köln Wettkampf

Kilometer #2

Ich bin auf der Suche nach meinem Atem. Bei jedem dritten Schritt? Oder doch lieber bei jedem vierten ein- und ausatmen? Durch den Mund oder durch die Nase? Und was macht eigentlich mein Puls? 161??? So wird das nichts. Ich muss mich entspannen. Also versuche ich, bewusst locker und entspannt zu laufen und den Kopf leer zu machen. Mein Körper wird schon intuitiv richtig atmen, wenn ich aufhöre, ihn zu stressen. Ich versuche, mich abzulenken, mehr zu genießen. Das ist bei der schönen Atmosphäre des Nachtlaufs eigentlich gar nicht so schwer. Und es hilft. Der Puls geht runter, der Atem entspannt und automatisiert sich.

Kilometer #3

Im Schein des Feuers zu laufen, ist wirklich wunderschön. Dort, wo der Weg nicht von Straßenlaternen beleuchtet wird, stecken brennende Fackeln im Boden und tauchen den Weg in warmes, flackerndes Licht. Ich arbeite mich vorsichtig vor, nicht wegen der Pfützen (wobei ich auch keinen Bock auf nasse Socken hab), sondern wegen der Unebenheiten. Ich will ja nicht bei Kilometer drei über einen Maulwurfshügel fallen. Was wäre das bitte für ein vorzeitiges Ende für meinen ersten hochoffiziellen Start?

Kilometer #4

„Rechts stehen, links gehen!“ ist mein Mantra. Wir sind zwar nicht auf der Rolltreppe aber ich denke, Platz machen ist ganz nett. Also laufe ich ganz rechts, denn ich werde immer wieder von Läufern überholt. Und wisst ihr was? Es macht mir nichts aus. Ich bin tatsächlich ganz bei mir, ein neues Gefühl, dass ich gar nicht so schlecht finde. Ich genieße das warme Licht der Fackeln, die Dunkelheit und die Ruhe, die den Nachtlauf auch ausmacht. Hin und wieder fliegen Gesprächsfetzen an mir vorbei, wenn ich überholt werde. Lustig, nur diese kurzen Ausschnitte zu hören. Grundlegende Erkenntnis: Eigentlich beschäftigen uns alle doch so ziemlich die gleichen Sachen im Leben.

Kilometer #5

Ach! Hallo! Waden! Achillessehnen! Ihr seid noch da. Wie erfreulich. Da ist es wieder, mein Beweglichkeitsproblem im Sprunggelenk und mein Problem mit den schlecht gedehnten Waden. In beiden Beinen zieht es, trotz Aufwärmen. Das kann ich jetzt wirklich so gar nicht gebrauchen. Ich versuche, noch vorsichtiger abzufedern. Ich will jetzt nicht aufgeben. Komm, Körper, tu mir den Gefallen und halte den Nachtlauf durch. Bitte! Ich verspreche auch hoch und heilig, ich werde weiter daran arbeiten, dass das alles beweglicher wird. Wirklich! Versprochen!

Kilometer #6

Die haben sich doch abgesprochen! Also, die Achillessehen mit dem linken Hüftbeuger. Der meldet sich jetzt nämlich auch zu Wort. Schön, dann bin ich wenigstens von den Waden abgelenkt. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Ich kriege noch Luft und mein sonst so empfindliches Knie hat heute noch nicht einen Muks von sich gegeben. Geht doch! Oder eher: Läuft! Einer der Streckenposten applaudiert engagiert, als ich vorbeilaufe. Das gibt mir neue Energie. Vor allem sein Zuruf: „Nur noch ein knapper Kilometer, dann ist es geschafft!“

Kilometer #7

Quer über den See schallt die Stimme von Heijo Fetten, dem Vorsitzenden der LLG80, der die Finisher im Ziel begrüßt. Auf der Wasseroberfläche spiegelt sich das Licht der Fackeln und ich kann den Schein des Lagerfeuers am Ziel flackern sehen. Das beflügelt mich nochmal, durchzuhalten. Auch wenn ich schon wieder überholt werde. Es ist ein Mann, er läuft nicht, sondern geht. Schneller als ich laufe. Und dabei trägt er ein friedlich schlafendes Baby im Tragetuch vor sich her. Ich muss lachen und sage ihm, dass er gerade wirklich nicht unbedingt zu meinem Läufer-Selbstbewusstsein beiträgt. Auch er lacht: „Das kann ich auch nur auf so kurzen Distanzen durchhalten!“ KURZ? Was meint er mit: kurz???

Endspurt

Es geht auf die Zielgerade und für die letzten hundert Meter hat man offenbar immer noch irgendwo eine geheime Kraftreserve. Ich gebe Gas und es ist mir herzlich egal, wo mein Puls gerade rumschlägt. Ich freu mich einfach nur! Im Ziel gibts ein High Five von Papa, mein Mann, meine Mama und Claudi fallen mir um den Hals. Ein Helfer drückt mir ein Finisher-Glas in die Hand und ich hüpfe aufgeregt hin und her. Ich bin so glücklich. 7.5 Kilometer ohne Gehpausen, ohne völlig fertig und mit hochrotem Kopf im Ziel anzukommen. Und vor allem in einer Zeit, mit der ich nicht gerechnet hätte. 1:01:31. Für mich ist das Bestleistung! Vor einem halben Jahr wäre es für mich undenkbar gewesen, diese Strecke zu laufen. Und jetzt stehe ich hier, habe den Nachtlauf geschafft und bin unfassbar glücklich! Mein erstes hochoffzielles Finish.

Nachtlauf Fühlinger See LLG80 Nordpark Köln Wettkampf

Wir sehen uns beim nächsten Nachtlauf

Der Termin für den Nachtlauf 2019 steht übrigens auch schon: die LLG Nordpark Köln organisiert ihn am 15. März 2019. Ich kann euch diese schöne Veranstaltung wirklich sehr ans Herz legen und hoffe, euch dann dort kennen zu lernen. Und falls ihr auch solche Herzens-Läufe habt, freue ich mich über Tipps in den Kommentaren!