Gut eine Woche ist es jetzt her, dass ich das kilometermäßig bisher größte Sport-Wagnis meines Läuferlebens eingegangen bin. 35 Kilometer auf dem Kölnpfad, Dämmerungswandern, also mit einem Teil der Strecke im Dunkeln. Ich weiß nicht, ob ich mich angemeldet hätte, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet. Im Nachhinein bin ich dankbar für die Erfahrung. Auch wenn ich ganz schön gelitten habe. Aber der Reihe nach:

Schon mittags mache ich mich mit dem Auto auf den Weg zum Zielpunkt. Schließlich will ich von dort abends wieder einigermaßen gut nach Hause kommen. Und ich bin jetzt schon froh über die Automatik-Schaltung. Denn ich weiß, dass ich heute Nacht nur noch Pudding in den Beinen haben werde.

Wenn aus 30 plötzlich 35 Kilometer werden

Zusammen mit meiner Wander-Crew sammle ich die Startnummern ein. Dann bekomme ich noch ein paar Tipps von Thomas Eller. Er hat dieses Mega-Event zusammen mit Thorsten Klenke auf die Beine gestellt – genauso wie unzählige Trainingswanderungen auf dem Kölnpfad im Vorfeld. Wahnsinn, was die beiden für einen Orga-Marathon hier für uns hinlegen. Inklusive vieler Diskussionen mit der Stadt und Privatleuten darüber, wo wir denn nun lang laufen dürfen. Da ein Teil des Kölnpfades Naturschutzgebiet ist und ein anderer Teil der ursprünglichen Strecke über Privatgelände läuft, musste nochmal umgeplant werden – für uns heißt das: Die Dämmerungswanderung ist jetzt statt 30 Kilometern 35 lang. Puh.

Literweise Wasser und ne Bratwurst

Mit Bus und Bahn fahren wir zum Startpunkt unterhalb des Bensberger Schlosses – wir sind motiviert und schlagen direkt ein hohes Tempo ein, sodass die ersten 10 Kilometer schnell geschafft sind und wir unseren ersten Verpflegungspunkt erreichen. Dort wartet eine nette Gruppe, die uns Bratwürstchen, Kekse und Traubenzucker anbietet und unsere Trinkblasen wieder auffüllt. Wir trinken noch ein Iso-Getränk und ich liebäugele kurz mit der Massage-Liege, die neben dem Verpflegungszelt steht. Aber nix da, es muss weitergehen. Der Rucksack ist durch das Wasser wieder schwer geworden – das bleibt aber nicht lange so, ich trinke und trinke und trinke. Bloß nicht dehydrieren. Trotzdem habe ich am nächsten VP noch mindestens ein Drittel des Wassers in meiner 2-Liter-Trinkblase. Wohl doch nicht so viel getrunken, wie gedacht. Außerdem habe ich einen Stein im Schuh. Ich ziehe ihn aus, schüttle ihn kräftig. Kann aber nichts entdecken. Also Schuh wieder an und weiter. Es piekst immer noch an der Ferse, zusätzlich ist jetzt auch noch irgendwie die Schnürung verrutscht und drückt am großen Zeh auf den Fuß. Unangenehm, aber wird schon passen irgendwie.

Stirnlampe Dämmerungswandern Kölnpfad 2018 Ultrawandern Finisher Köln

Der Hüftbeuger streikt, der Kopf will weiter

Bei Kilometer 22 etwa steigt einer meiner Freunde aus. Er ist verletzt und möchte es nicht überstrapazieren. Kurz frage ich mich, ob ich auch aufhören sollte. Ich spüre meine Muskeln schon ordentlich – vor allem die Hüftbeuger und die Oberschenkel-Muskeln ziehen. 23 Kilometer war meine bisher weiteste Wander-Strecke. Und mein Kopf und mein Herz wollen weiter. Also müssen sich die Beine unterordnen. Zu viert ziehen wir das Tempo nochmal an, einen 5,5 km/h – Schnitt laufen wir jetzt. Ich versuche, mitzuhalten, bin aber ziemlich erleichtert, als die Dämmerung einsetzt und wir etwas langsamer gehen. Und zum ersten Mal sage ich das auch laut, ohne mich zu schämen: „Ich will euch nicht ausbremsen, aber ich kann das Tempo nicht mehr halten!“

Alle für einen und jeder fürs Team

Meine Freunde wollen mich aber nicht allein durchs Dunkle wandern lassen und wir beschließen, zusammen zu bleiben. Der Wald um uns rum wird immer undurchsichtiger. Irgendwo in der Nähe hören wir eine zeitlang noch ein Stadtfest mit Musik einer kölschen Band. Dann wird es ruhiger. Bis auf das Rascheln im Wald links und rechts von uns. Das Blätterdach über unserem Kopf ist so dicht, dass wir die Stirnlampen einschalten müssen. Die Folge: Ein proteinreiches unfreiwillliges Abendessen. Die Falter stürzen sich nur so auf uns. Und für die Mücken sind wir ein gefundenes Fressen, trotz Spray kassiere ich ein paar Stiche. Egal – es muss weitergehen. Ich werde ruhiger und lasse mich auch mal etwas zurückfallen. Wir sind kurz vor Kilometer 30 und mir tun schon seit gut 5 Kilometern die Beine so weh, dass ich mich auch eigentlich gut auf den weichen Waldboden neben uns legen und schlafen könnte. Ich laufe jetzt nur noch mit dem Kopf, meine Muskulatur zeigt mir einen Vogel. Aber so lang sie nur weh tut und noch funktioniert, laufe ich weiter.

Wenn der Mond für alle Strapazen entschädigt

Wir verlassen den Wald und laufen an einer Bahnstrecke entlang. Immer häufiger überholen uns jetzt Menschen im Lauftempo. Parallel zum Ultrawandern finden auch verschiedene Ultra-Läufe statt, der längste mit 171 Kilometern. Jedes Mal, wenn wir überholt werden, machen wir an der Seite kurz Pause, applaudieren und feuern an. Ich habe großen Respekt vor den Läufern, die unsere oder eine noch viel längere Strecke im Lauftempo absolvieren. Ich beiße die Zähne zusammen und stapfe tapfer weiter in Richtung des kleinen Restes Abendrot, das noch nicht der Nacht gewichen ist. Wir überqueren eine Landstraße, kommen auf ein Feld und plötzlich sind Schmerz und Anstrengung für einen kurzen Moment vergessen: Blutrot und riesengroß erhebt sich der Mond am Horizont. Der Anblick macht uns kurz sprachlos – und das will bei unserer Gruppe was heißen.

Jeder Schritt eine reine Willensentscheidung

Ich hatte großen Respekt vor dem Wandern in der Nacht. Und die Dunkelheit im Wald war mir auch nicht geheuer. Aber unter dem Sternenhimmel entlang der Felder zu laufen und diesen phänomenalen Mond zu bewundern, dazu diese Ruhe, nur ein paar Grillen und Nachtvögel und der Wind, der über die Felder streift… das ist einfach unbeschreiblich und überraschend schön. Wäre da nur nicht mein Körper, der irgendwie so gar keinen Bock mehr hat. „Nur noch 5km“, sagt einer meiner Freunde aufmunternd. Nur! Haha! Meine Fußgelenke brennen, ich fürchte, ich bin durch Brennnesseln gelaufen. Inzwischen verspannt sich auch mein unterer Rücken und jetzt ist wirklich jeder Schritt eine reine Willensentscheidung. Auf dem letzten Kilometer protestiert dann auch der Kreislauf. Er würde sich gerne setze. Aber ich will mich nicht setzen. Ich will das jetzt durchziehen. Ich gebe nicht 900 Meter vorm Ziel auf. Kurz horche ich in mich rein, ob ich umkippen könnte. Ich einige mich mit mir selbst, dass ich zwar völlig erschöpft bin, aber nicht zusammenklappen werde. Also auf Richtung Ziel.

Und plötzlich nur noch: Leere

Ich schleppe mich über die letzten Meter, jemand macht ein Zielfoto von mir, ich nehme meine Medaille entgegen und lasse mich auf eine Bank fallen. Und dann: Nichts! Ich bin viel zu fertig, um mich zu freuen. Ich fange an zu zittern, kuschele mich in meinen dicken Pulli und darf mich auf ein Sofa bei der Startnummernausgabe legen. Meine Freundin Claudi drückt mir eine Cola in die Hand. Ein fremder Mitläufer erkundigt sich, wie es mir geht. Das Zittern sei nicht ungewöhnlich, beruhigt er mich. Das hilft, denn ich bin doch gerade etwas besorgt. Dann drückt er mir sein letztes Stück Traubenzucker in die Hand, lächelt mich an und sagt: „Du kannst stolz auf dich sein. 35 Kilometer sind schon ne krasse Nummer.“ Ich betrachte müde meine Medaille. Und muss zum ersten Mal lächeln. Ich habe es geschafft.

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Nie wieder Ultrawandern. Oder doch?

Als ich zu Hause die Füße aus den Schuhen quäle, denke ich: „Nie wieder!“ Die Druckstelle von der Schnürung ist tiefrot und tut ordentlich weh. Der „Stein im Schuh“ ist in Wirklichkeit eine ziemlich dicke Blase an der Ferse. Und das Brennen an den Knöcheln kam nicht von Brennnnesseln, sondern von einer Allergie gegen meine Laufsocken. Ich falle in einen unruhigen Schlaf, nur unterbrochen von Durstanfällen. Am nächsten Morgen steige ich wie eine 80-Jährige aus dem Bett. Vorsichtig humpele ich die Treppe runter, mein Mann hat mir Frühstück gemacht und verfrachtet mich damit auf das gemütliche Sofa auf unserem Balkon. Ich nehme nochmal meine Medaille in die Hand. Der Beweis dafür, dass ich es geschafft und mich durchgebissen habe. Ich weiß jetzt sicher: Die 100 Kilometer beim Megamarsch sind defintiv (noch) nichts für mich. Respekt an alle, die so etwas schaffen. Aber mit etwas Training, den richtigen Schuhen, Socken und mehr Planung bei der Verpflegung müssten 40 Kilometer doch drin sein, oder?