Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie genau das alles passieren konnte. Ich – Triathletin? Wenn es eine Sorte von Sport gab, die mir nie wirklich gelegen hat, dann war das Ausdauersport. Stundenlang durch die Gegend laufen ohne Ziel? Schwimmen, ohne, dass ich hinterher auf einem Board stehe? Und dann noch dieses Rennradfahren? Konnte ich mir nicht im Traum vorstellen.

Plötzlich Triathletin

Ich hatte aber immer schon großen Respekt vor allen, die die Königsdisziplin des Ausdauersports meistern. Auf Hawaii habe ich in Kona ehrfürchtig vor dem Schild gestanden, das auf dem Alii Drive den Start und das Ziel des Ironman markiert. Ich hatte sogar ein bisschen Gänsehaut. Denn obwohl ich Ausdauer-Sportarten bisher wirklich nicht mochte, war in meinem Kopf noch diese andere Stimme. Die faszinierte Stimme. Die „Das will ich auch können“-Stimme. Sie flüstert nur leise, aber sehr beharrlich. Und überredet mich gerne dazu, Dinge, die ich nicht kann, in Angriff zu nehmen. Zum Beispiel dazu, letztes Jahr einfach mal jede Woche eine andere Sportart zu machen.

Wenn du schneller redest als du nachdenkst

Bei 52weeks52sports waren auch Laufen, Schwimmen und Radfahren dabei. Ich schleppte mich durch einen 5km-Frauenlauf. Meine liebe Freundin (und Ironwoman) Anita scheuchte mich durch eine heftige Spinning-Runde. Und Schwimmtrainerin Caro gab sich eine Stunde lang wirklich Mühe, aus meinen Stil „absaufende Windmühle“ ordentliches Kraul-Schwimmen zu machen. Mit Erfolg. Noch im Wasser hatte ich es schneller ausgesprochen, als ich denken konnte: Ich starte nächstes Jahr bei meinem ersten Triathlon. Ups. Plötzlich gab es kein Zurück mehr. Caro bot an, mich zu trainieren und suchte einen passenden Wettbewerb für mich raus. Und seit ich beim Triathlon Ratingen auf den Anmelde-Button gedrückt habe, hat sich in meinem Leben so einiges geändert:

  1. In meinem Wohnzimmer wohnt ein Fahrrad

Ich halte das auch für völlig normal, wo soll das teure Ding denn bitte sonst hin? Im Schlafzimmer ist schließlich kein Platz mehr. Und als wäre es noch nicht genug, dass mein Mann und ich jetzt mit einem Fahrrad in einer WG leben, hat das schicke Teil auch noch einen Namen: Herr Meier. Mir blutet jetzt schon das Herz, denn Herr Meier wird nach Ratingen wieder ausziehen. Denn er ist nur geliehen. Ein eigenes Rennrad ist schließlich viel zu teuer. Wobei…

  1. Bikini-Streifen sind Trophäen

Früher habe ich mich am Strand regelmäßig gewendet. Auf dem Bauch oben ohne gesonnt. Die Bikini-Träger sorgfältig hin und her geschoben. Hauptsache nahtlos braun. Jetzt sehe ich aus, wie die Flecken-Schokolade von der lila Kuh. Ein Streifen auf der Mitte der Oberschenkel. Eine Bräunungskante auf den Oberarmen. Lustige Muster von verschiedenen Sport-BHs und Shirts auf den Schultern. Ein weißes Kreuz auf dem Rücken. Und natürlich der obligatorische weiße Streifen am Handgelenk. Und ich trage sie alle mit Stolz.

  1. Meine Freunde glauben, dass ich verrückt geworden bin

Montags Radfahren, Dienstags Schwimmen, Mittwochs Laufen und dann das ganze von vorne. Dazu noch Yoga, Stabi-Training und meine anderen Hobbys Taekwondo und Wakeboarden. Bei vielen löst das Verständnislosigkeit aus: „Ich weiß ja nicht, ob das noch gesund ist“ oder „Wann hast du denn mal Zeit für dich?“ Wer einmal länger auf dem Rennrad gesessen hat oder morgens durch den ruhigen Park gelaufen ist, weiß: So viel Zeit für sich allein hat man selten. Und zum Thema gesund: Ich halte das für deutlich gesünder als sieben Stunden vor dem PC und dann noch zwei Stunden auf dem Sofa zu sitzen…

  1. Ich spreche eine fremde Sprache

Ich laufe nicht einfach schnell oder langsam, ich habe eine Pace. Und die hängt ab von Dingen wie GA1, GA2 oder Rekom. Ich schwimme auch nicht einfach nur, nein, ich wrigge manchmal. Darüber hinaus habe ich ziemlich Angst vor dem Cut-Off, während ich gleichzeitig von einer OD oder sogar von einer MD träume. Meine VO2max verfolgt mich bis in meine Alpträume und meine Cleats und ich sind bisher noch keine Freunde geworden. Aber das wird alles. Ganz sicher!

  1. Style hat eine völlig neue Definition

High Heels? Sneakers! Kleidchen? TankTop! Und Make Up? Brauch ich nicht, schwitze oder schwimme ich eh gleich wieder runter. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht mehr, was ich mal gegen Neonfarben hatte. Und meine pinke, verspiegelte Sonnenbrille lässt sich auch hervorragend im Alltag tragen. Genauso wie die bequemen Badelatschen. Und ich traue mich auf einmal, kurze, enge Hosen zu tragen. Sch… auf Cellulite. Ich bin Triathletin!

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  1. Ich habe eine neue Wäschetonne

Als ob es nicht reichen würde, dass Herr Meier im Wohnzimmer wohnt, teilt er sich den wenigen Platz mit mindestens einem Wäscheständer. Und zwar ständig. So wie der Inhalt meiner Sportsachen-Schublade gewachsen ist, so ist auch der Berg an Schmutzwäsche gewachsen. In unserem Bad gibt es jetzt eine extra Tonne für Sportklamotten.  Und so ist ein völlig neuer Kreislauf in meinem Leben entstanden: Leine – Training – Waschmaschine – Leine – Training – Waschmaschine…

  1. Ich lerne die StVO neu kennen

Was so ein Perspektivwechsel mit einem Menschen machen kann. Vor einem halben Jahr habe ich noch genervt die Spur gewechselt, wenn da so ein nerviger Radfahrer alles blockiert hat. Jetzt bin ich selbst die nervige Radfahrerin. Versuche, nicht im Weg zu sein und trotzdem zu überleben. Hoffe, mit mindestens 1,50 Meter Abstand überholt zu werden. Bestehe auf mein Recht, auch am Verkehr teilnehmen zu dürfen. Lerne, Rennrad-Fahren zu lieben auch wenn es manchmal wirklich brenzlig ist.

  1. Mein Repertoire an Krankheiten hat sich auf spannende Weise erweitert

Shin Splints klingt cool, ist es aber nicht. Die Plantar-Faszie ist ein Körperteil, auf die man hören sollte, wenn sie meckert. Die Achillodynie ist ein Garant für eine Trainingspause, zum Glück bin ich gerade noch so an ihr vorbei gekommen. Gegen das Piriformis Syndrom hilft Yoga. Oder die Blackroll. Die mir ohnehin von allen Seiten als Wunderheilmittel angepriesen wird. Allerdings tut ihre Anwendung manchmal so weh, dass mir da leichte Zweifel kommen…

  1. Mein Biergeschmack ist völlig außer Kontrolle geraten

Bis vor kurzem gehörte ich zu den Menschen, die absolut überzeugt vom Bier ihrer Heimatstadt waren. Und gerade bei uns Kölnern ist das ein sensibles Thema. Wir mögen kein Pils. Und kein Weißbier. Aus Prinzip nicht. Und alkoholfreies Bier ist völlig indiskutabel. Aber dann kam dieser Lauf. Und es war heiß. Und ich war durstig. Und im Ziel drückte mir jemand diesen Becker in die Hand. Die Flüssigkeit glitzerte goldfarben, kleine Perlen stiegen unter der Schaumkrone auf und das Gefühl, als das Getränk meine trockene Kehle runterfloss, war unbeschreiblich. Tja. Plötzlich mag ich alkoholfreies Weizen. Ich darf es nur niemandem verraten. Sonst werde ich womöglich ausgebürgert…

  1. Ich weiß, wie sehr ich geliebt werde

Da ist dieser eine Mensch, der Verständnis für diesen ganzen Quatsch hat. Der mich wie eine Olympiasiegerin bejubelt, wenn ich mich durchs Ziel schleppe. Der mich auf dem Mountainbike begleitet, wenn ich noch mit dem Rennrad raus muss. Der mir einen Trisuit schenkt, der mir für den ersten Wettbewerb Glück bringen soll. Der mich hin und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, wenn ich zu nervig werde. Denn wie habe ich vor Kurzem gelesen: „Woran erkennst du einen Triathleten? – Er wird es dir erzählen!“

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