Ich glaube, ich habe eine geheime Superpower. So wie Clark Kent. Legt er seine Brille ab, wird er zu Superman. Bei mir ist das fast genauso. Ziehe ich meine Schuhe zum Laufen an, werde ich zu Injury-Girl.

Ich sag ja, fast genauso.

Laufen im Team #ungeduld

Wenn mich das Jahr 2018 am Ende eins gelehrt hat, dann die Dinge mit Humor zu nehmen. Humor und Selbstironie sind eigentlich meine Stärken, aber die letzten Monate haben diese Stärken ganz schön ins Wanken gebracht. Los ging es im April: Die Staffel beim Bonn-Marathon musste ich zwei Tage vorher absagen wegen Bronchitis. Deswegen auch kein Ford Firmenlauf. Vorsichtiger Wiedereinstieg beim Nachtlauf des ASV Köln Anfang Juni. Nicht wie geplant mit 10km, sondern nur mit 5. Auf der Strecke merkwürdige Schmerzen im Oberschenkel bekommen. Eine fiese Entzündung, die eine kleine OP nötig machte. Und damit die nächste Zwangspause. Fäden ziehen, wieder loslaufen. Die Waden machen immer wieder dicht, Probleme mit der Achillessehne. Mit viel Stretching und Tape wird es ganz langsam besser. Ende Juni kann ich dann endlich so richtig ins Training einsteigen. Zusammen mit meiner Trainerin habe ich ein Ziel: Den Triathlon Ratingen Anfang September.

Ein neues Lebensgefühl

Und endlich läuft es. Meine Kondition verbessert sich, zum ersten Mal laufe ich fünf Kilometer in unter 35 Minuten. Zum ersten Mal schaffe ich es, 500 Meter am Stück zu Kraulen. Und ich finde richtig Spaß am Rennradfahren. Zwei Monate lang bin ich gefühlt kaum noch aufzuhalten, ziehe meinen Trainingsplan akribisch durch. Auf einmal sind da Muskeln an ganz ungewohnten Stellen. Ich fühle mich so viel fitter, stabiler und gehe wieder aufrechter durch die Gegend. Denn vor allem entsteht ein ganz neues Selbstwertgefühl, mit dem ich in den letzten Jahren oft heftig zu kämpfen hatte. Ich finde wieder zu mir, mag meinen Körper wieder, der so tolle Dinge gerade erreicht. Das Training tut mir ganzheitlich gut und ich halte mich daran fest. Bis ich plötzlich loslassen muss.

Bittere Enttäuschung

Zwei Tage vor dem Triathlon Anfang September schlägt eine Sommergrippe mit voller Wucht zu. Wie ein Häufchen Elend sitze ich im Sprechzimmer als mein Hausarzt die befürchteten Worte sagt: „Sie können auf keinen Fall starten.“ All die Wochen Training, die Vorfreude, der Fokus. Peng. Geplatzt wie ein Ballon. Ich verkrieche mich auf meinem Sofa und bin plötzlich wieder ganz klein. Nichts mehr zum Festhalten. Weg ist das Selbstwertgefühl. Weg die Power und die Zuversicht, die ich in den letzten Wochen gesammelt habe. Bei diesem Start ging es für mich um so viel mehr, als um Schwimmen, Radfahren und Laufen. Das alte Ich drängt sich wieder in den Vordergrund. Mit all seinen Zweifeln und seiner nagenden Selbstkritik. Wie soll es weitergehen? Wird es überhaupt weitergehen oder ist Triathlon einfach nicht mein Sport?

Mit aller Gewalt zurück

Ich brauche Zeit, um mich aufzurappeln und meinen Fokus wiederzufinden. Fast vier Wochen muss ich pausieren, die Viren sind hartnäckig. Als ich dann das erste Mal meine Laufschuhe wieder schnüre, freue ich mich riesig – merke aber schnell: Da ist keine Kondition mehr, der Körper ist noch zu schwach. Trotzdem will ich unbedingt die Staffel beim Köln-Marathon laufen. Und für die Staffel in Frankfurt und den Halloween-Run bin ich ja auch noch angemeldet. Ich beiße mich also durch, mache kurze Läufe mit Gehpausen. Das Zwicken in meinen Schienbeinen ignoriere ich.

Darum laufen wir

Dann steht das Köln-Marathon Wochenende an. Donnerstags wird in der Innenstadt die Expo eröffnet. Endlich Laufluft schnuppern, ich treffe viele tolle Leute, alte Freunde und neue. Wie eine große Familie mit einer gemeinsamen Lauf-Liebe. Sonntagsmorgens dann der Startschuss. Ich bin dritte Staffelläuferin und habe so noch Zeit, andere Läufer anzufeuern mit meinem Power Up-Pappschild. Das macht fast noch mehr Spaß, als selbst zu Laufen. Dann wird es ernst und ich darf auf die Strecke. Es sind nur sechs Kilometer aber ich sauge begeistert alles auf, was um mich rum passiert! Die Stimmung ist einmalig und ich kann das Glücksgefühl kaum beschreiben.

Zurück ins Team Vernunft

Als ich montags einen kleinen Regenerations-Lauf machen will, ist das Zwicken in den Beinen schlimmer. Ein Schmerz, den ich von früher aus dem Wettkampf-Sport ganz genau kenne, den ich aber nicht wahrhaben will. Denn ich weiß was er bedeutet. Bitte nicht schon wieder, ich will doch noch Frankfurt und Duisburg laufen. Tolle Menschen treffen. Laufluft schnuppern. Ich riskiere noch zwei Laufvervsuche, ein paar Kilometer in Zürich und ein paar vorsichtige Meter am Strand in Holland. Aber der Kopf macht dicht vor Schmerz. Ich muss mich richtig zwingen, überhaupt Laufschritte zu machen. Mein Körper hat keinen Bock, sich weh zu tun. Und das ist der Moment, in dem mir endgültig klar wird: Ich mache da gerade etwas richtig richtig falsch.

Kein falscher Ehrgeiz mehr

Ich sage Frankfurt ab. Ich cancelle Duisburg. Es hat einfach keinen Sinn, ich kann nichtmal schmerzfrei eine Treppe runter gehen. Also ab zum Physio. Der bestätigt meine Befürchtung: Shin Splints. Die Diagnose, die vor vielen Jahren auch meine Voltigier-„Karriere“ beendet hatte. Der Physio ist super, wir führen ein langes Gespräch über Motivation, Druck, Stress und die Tatsache, dass sich die Kondition nunmal schneller anpasst, als Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke. Ein paar Tage später bestätigt der Orthopäde die Diagnose Schienbeinkantensyndrom. Eine Stressfraktur kann er zum Glück ausschließen. Trotzdem habe ich mindestens sechs Wochen Laufverbot.

#focusonthegoodthings

Ich muss fast lachen, als er es sagt. Denn hey, ich bin Injury-Girl – und meine Superpower hat wieder zugeschlagen. Diesmal nehme ich es mit Humor. Tränen machen die Sache auch nicht besser und ganz ehrlich? Es ist nur Laufen. Klar, es macht mich glücklich, gibt mir ein gutes Gefühl und hält mich fit. Aber ich werde es ganz sicher auch mal sechs Wochen ohne aushalten. Und vielleicht ist meine Superpower ja auch eine ganz andere. Nämlich die, nicht aufzugeben. Irgendwann werde ich es schon noch schaffen, eine richtige Läuferin zu werden. Mit mehr Rücksicht auf Warnsignale meines Körpers. Mehr Akzeptanz meiner Grenzen. Ich hab vorher nie Ausdauersport gemacht. Mein Talent liegt eher im Bretter zerschlagen. Und ich kann dicke Baumstämme durch die Gegend schleudern. Laufen fällt mir halt schwerer. Na und? Dann laufe ich halt langsam und kurze Strecken. Und bis ich das wieder darf, mache ich Stabi-Training. Trainiere meine Kondition beim Radfahren, hole mir Beweglichkeit durchs Yoga und arbeite an meiner Schwimmtechnik. Und bin dankbar, dass ich das alles machen kann!

Laufen Kölnmarathon Marathon Cheering